Pädagogische Leitlinien

Schaubild: Pädagogische Leitlinien

Die folgenden „Pädagogischen Leitlinien“ entsprechen dem Evangelischen Bildungsverständnis, das dem Bildungskonzept der Evangelischen Landeskirche Bayern entnommen ist.

Das evangelische Bildungsverständnis ist weit, wenn auch nicht beliebig weit, gefasst. Es stimmt in vielfältiger Weise mit den Bildungszielen des Freistaates Bayern überein, bzw. konkretisiert sie an einzelnen Stellen.

Siehe z.B. Bildungs- und Erziehungsauftrag im „Bayerisches Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG)“ (siehe unten) oder die Zielsetzungen für Ganztagsschulen in Bayern

(siehe: www.ganztagsschulen.bayern.de).

Auf dem nebenstehenden Schaubild (siehe auch download unten) sind im orangenen Bereich stichpunktartig die staatl. Zielsetzungen für Ganztagsschulen, in den lila Bereichen die entsprechend zugeordneten Aspekte unserer Pädagogischen Leitlinien dargestellt.

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Angebote bzw. Gesuche die in diese Plattform eingestellt werden, müssen wenigstens einem Aspekt (insbesondere den unter 2. aufgeführten Punkte bzw. der violette Bereich im Schaubild) aus den Pädagogischen Leitlinien entsprechen. Gleichzeitig dürfen sie keinem anderen Aspekt widersprechen. Sollten Sie sich unsicher sein, ob Ihr Angebot bzw. Gesuch diesen Leitlinien entspricht, so können Sie gerne Kontakt mit dem / der Ihnen zugeordneten Betreuer/in aufnehmen. Wir werden Sie gerne beraten. Zur Einsicht der Kontaktdaten des/der Betreuers/in müssen Sie sich registrieren lassen bzw. auf der Plattform anmelden.

1. Grundsätze

1.1 Christliches Menschenbild

Hier veröffentlichte  Bildungsangebote- bzw. -gesuche sind gekennzeichnet durch Offenheit, Weite und eine reiche Vielfalt, in denen sich die Fülle menschlichen Lebens widerspiegelt. Dieser Grundansatz ist getragen von der christlichen Botschaft, dass jeder Mensch von Gott her bejaht ist in seiner Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit; zugleich bleibt er lebenslang lern-, veränderungs- und entwicklungsfähig und eingeladen, auf jene Fülle hin zu wachsen, die ihre Vollendung im Reich Gottes findet. Dieser Grundansatz trägt zugleich dazu bei, Vielfalt nicht als Beliebigkeit, Weite nicht als Profillosigkeit und Offenheit nicht als eine „Alles ist möglich“-Einstellung zu verstehen und zu missbrauchen.

1.2. Menschenrechte und Menschenwürde

Alle Orte, an denen Bildung geschieht, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie „Stätten der Menschlichkeit“ sind bzw. sein sollen, so wie es der große Theologe und Pädagoge des 17. Jahrhunderts, Johann Amos Comenius, formuliert hat. Stätten der Menschlichkeit, also Orte, an denen Menschsein auch gelehrt und gelernt werden kann, sind folglich Stätten, an denen allen Menschen Achtung entgegengebracht wird, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Kultur, Stätten, die allen Menschen das Recht auf Gedanken-, Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit zugestehen, Stätten, die allen Menschen ermöglichen, aktiv am Leben teilzunehmen und teilzuhaben und dieses Leben verantwortlich zu gestalten. Darüber hinaus ist Bildung, die sich auch als „Bildung zur Humanität“ (Johann Gottfried Herder) versteht, geprägt durch die Achtung von Gerechtigkeit und Fairness, das Erlernen und Einüben von Hilfsbereitschaft und Toleranz, die Wahrnehmung der Bedürfnisse und Interessen Anderer und die Praktizierung von Schutz, Solidarität und Empathie gegen Schwache und Benachteiligte.

 

2. Konkretion - Bildung aus evangelischer Sicht

Aus diesen Grundsätzen ergibt sich folgende Konkretion.

Bildung aus evangelischer Sicht: 

  • erzieht zum Frieden, zur gegenseitigen Toleranz und zur Verständigung mit Menschen der eigenen Kultur und Religion und mit Menschen anderer Kulturen und Religionen, unterstützt ökumenisches Lernen und den konziliaren Prozess, fördert die soziale, politische und wirtschaftliche Gerechtigkeit auch in globaler Sicht und trägt Sorge für das von Gott geschenkte Leben in seiner Vielfalt sowie für Gottes gute Schöpfung,

  • berücksichtigt die individuell-persönliche Entwicklungs- und Lebensgeschichte des Menschen in seinen unterschiedlichen Lebensstufen und Lebensphasen als Kind, als Jugendliche/r, als Erwachsene/r und als ältere/r Erwachsene/r und fördert das Verständnis und Zusammenleben zwischen den Generationen und ermöglicht eine Inklusive Bildung im Sinne des Indexes für Inklusion. (siehe insbesondere die Indikatoren für Inklusion ab S. 50: Index für Inklusion)

  • schöpft aus der jüdisch-christlichen Überlieferung, stellt sich der eigenen Geschichte und hält die Erinnerung an die Shoa wach; sie stellt sich gegen Antisemitismus und engagiert sich für Menschenrechte,

  • erinnert an die Maße und Grenzen menschlicher Geschöpflichkeit und ermutigt in der Kraft des befreienden Evangeliums von Jesus Christus, bei gesellschaftlichen Aufgaben verantwortungsvoll mitzuwirken und in die Werte-Debatte christliche Inhalte und protestantische Standpunkte einzubringen und zu vertreten,

  • ist eine ethische Bildung, die Wertbewusstsein, moralisch verantwortetes Denken und Handeln sowie Verantwortungsgefühl entwickelt und stärkt,

  • ist eine politische und soziale Bildung, die den konstruktiven Umgang mit Aggression, den Abbau von Gewalt und die Konflikt-, Kompromiss- und Friedensfähigkeit fördert sowie für Demokratie und Menschenrechte eintritt,

  • ist eine musisch-ästhetische Bildung, die für die Relevanz von kulturellen Werken und Gedanken wirbt sowie künstlerische Ausdrucksfähigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch ihr Verstehen können entwickeln hilft,

  • ist eine medienpädagogische Bildung, die zu Kompetenz in der verantwortlichen Nutzung vielfältigster medialer Angebote verhilft und fundierte Kenntnisse über Herausforderungen, Gefahren und Chancen des Medienzeitalters vermittelt,

  • ist eine religiöse Bildung, die die Transzendenz und die Frage nach Gott ins Gespräch bringt, christliche Glaubensinhalte vermittelt, religiöse Sprachfähigkeit fördert und Formen von Spiritualität unterstützt, die den Inhalten und dem Wesen des christlichen  Glaubens Ausdruck verleihen.

3. Ausschlüsse

Ausdrücklich ausgeschlossen sind alle Angebote bzw. Gesuche:

  • die einen rein wissensvermittelnden Charakter haben (z.B. Nachhilfeangebote)

Ausdrücklich ausgeschlossen sind Angebote bzw. Gesuche von Personen, die:

  • sektiererische oder esoterische Inhalte vermitteln möchten
  • die extremistische Positionen vermitteln möchten

 

4. Ergänzende Erläuterungen

4.1 Der ganze Mensch

Der ganzheitliche Ansatz eines evangelischen Bildungsverständnisses nimmt den ganzen Menschen in den Blick, nicht nur sein Denken, sondern auch sein Fühlen und sein Handeln. Neben den zweifellos existierenden Herausforderungen im kognitiv-intellektuellen Bereich - so benennt beispielsweise Neil Postman angesichts der Informationsflut in der Mediengesellschaft als die zentrale Aufgabe im 21. Jahrhundert „Information in Wissen und Wissen in Erkenntnis zu verwandeln“- ist dem emotionalen und handlungsorientierten Bereich mindestens ebenso große Aufmerksamkeit zu schenken. Zeitgemäße Bildung nimmt nicht nur die Vielfalt der menschlichen Gefühle - etwa Freude und Angst, Trauer und Glück - aufmerksam wahr, sondern nimmt diese Vielfalt in ihren Angeboten auch auf.

Im Sinne einer „Herzensbildung“ - ein alter Begriff, der in der aktuellen Diskussion mehr und mehr an Bedeutung gewinnt - zeichnet sich ein gebildeter Mensch nicht nur durch Wissen und Erkenntnis, sondern auch durch Sensibilität und Gespür für die eigenen Emotionen und den eigenen Körper, aber auch für die Empfindungen seiner Mitmenschen aus. In diesem Sinne spiegeln sich in der „Herzensbildung“ die verschiedenen Aspekte einer ganzheitlichen Bildung zeitgemäß wider.

Zu einer Bildung, die den ganzen Menschen im Blick hat, gehört konstitutiv auch die diakonische Dimension, also die Bildung des Menschen hin zu einem gemeinschaftsfähigen Wesen. Dieser ist, ausgestattet mit sozialer Qualifikation und Verantwortung, sowohl am Aufbau als auch am Erhalt und am Ausbau von Gemeinschaftlichkeit und einer Gemeinschaft engagiert und konstruktiv beteiligt, in der Starke wie Schwache gleichermaßen ihren Platz finden.

Ganzheitliche Bildung berücksichtigt zudem die Gender-Thematik: Sie nimmt das Geschlechterverhältnis in Gesellschaft und Kirche aufmerksam wahr, engagiert sich für die Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern und für Bildungsangebote, die den unterschiedlichen Geschlechterinteressen und -bedürfnissen gerecht werden.

4.2 Ehrfurcht vor dem Leben

Das gesamte Leben ist bestimmt von Koexistenz und Konvivenz, vom Mit- und Nebeneinander und ihren Abhängigkeiten und Wechselwirkungen. Es gibt kein isoliertes Leben: Jedes Leben ist in die Schöpfung eingebettet und jedes Geschöpf direkt oder indirekt mit jedem anderen verbunden und von ihm abhängig. Von einer umfassenden „Ehrfurcht vor dem Leben“ spricht Albert Schweitzer im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, noch unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges, und macht diesen Gedanken zum tragenden Grund seiner Ethik. Auf dieser Ethik basieren Einsichten in der (politischen) Diskussion wie etwa der Gedanke der Nachhaltigkeit, der mittlerweile auch Eingang in den Bildungsdiskurs gefunden hat.

Die Ehrfurcht vor dem Leben zieht sich als stets gegenwärtiges Handlungskriterium wie ein roter Faden durch alle evangelische Bildungsarbeit und ist zentraler Gedanke in der aktuellen Diskussion um Medizinethik, Embryonenschutz und Sterbehilfe.

4.3 Personalität

Bildung hat subjektorientiert zu sein: So lässt sich ein großer Konsens in der gegenwärtigen Bildungsdiskussion formulieren. Subjektorientierung meint dabei ein (Bildungs-)Verhalten, das in hohem Maß gezielt Selbständigkeit, Selbststeuerung und Selbstverantwortung fördert. Dennoch bleibt die Beschreibung des Menschen primär als „Subjekt“ ergänzungsbedürftig, da sie zu wenig über die soziale Dimension des Lebens und so gut wie gar nichts über seine Würde aussagt. Weiterführend ist die Unterscheidung von Eberhard Jüngel, der den Menschen als Subjekt und als Person definiert. Danach kann „Subjekt“ jeder Mensch werden, auch durch lebenslanges Lernen; „Person“ ist jeder Mensch dagegen in unveräußerlicher Weise bereits durch seinen Schöpfer. Daher ist jeder Mensch bildungsfähig, das schließt selbstverständlich benachteiligte Menschen und Menschen mit Behinderungen ein.

Auf der Basis dieser Differenzierung ist Bildung vorrangig personales Geschehen und die Bildung der Person ist Hauptintention. Sie geschieht neben allen Inhalten durch die Begegnung, durch die Existenzmitteilung von Person zu Person. Damit sind Erziehen und Bilden in ihrer Grundstruktur personale Prozesse.

4.4 Lernkultur und Lernatmosphäre

So unterschiedlich die einzelnen Bildungsaktivitäten und so vielfältig die Orte, an denen Bildung geschieht, auch immer sind, sie sind verbunden durch das Grundanliegen, ein Klima zu schaffen, das es allen Beteiligten ermöglicht, sich selbst zu entfalten und ihre eigenen Ressourcen zu entdecken, zu entwickeln und auszuschöpfen, sowie ein Klima zu schaffen, das von Vertrauen, gegenseitiger Wertschätzung und gegenseitigem Respekt getragen ist.

 

Dies bedeutet:

  • eine Atmosphäre der Partnerschaft: Lehrende sind immer auch Lernende und Lernende sind zugleich auch immer Lehrende, ohne dabei die unterschiedlichen Verantwortlichkeiten zu verwischen oder zu vermischen,
  • eine Atmosphäre der Authentizität, die zu Ehrlichkeit und Transparenz ermutigt; allen Teilnehmenden ist ein Zugang zu den Lernmöglichkeit zu eröffnen und soziale Gerechtigkeit ist innerhalb einer Lerngemeinschaft zu ermöglichen,
  • eine Atmosphäre, in der die Einzelnen gestärkt und gefördert, zur eigenen Urteilsbildung ermutigt und zum Selbst-denken, Selbst-fühlen, Selbst-handeln und Selbst-glauben angeregt und unterstützt werden,
  • eine Atmosphäre, in der zur Solidarität gegenüber anderen Menschen und zur Fürsorge und Rücksichtnahme gegenüber allem Leben ermutigt wird,
  • eine Atmosphäre, die Raum lässt für Unbekümmertheit und Ausgelassensein, für Spaß und Spiel, für Lust und Freude, für Hoffnungen und Träume; nicht alles hat einen ernsten, pflichtbewussten, asketischen, konsequenten oder zielführenden Charakter,
  • eine Atmosphäre, in der die intellektuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten ebenso zu ihrem Recht kommen wie die Bedürfnisse und Fähigkeiten im haptisch-pragmatischen und im musisch- ästhetischen sowie im künstlerischen Bereich,
  • eine Atmosphäre, die auch die Erfahrung von Kranksein und Sterben, von Misslingen, Schuldigwerden und Scheitern ausdrücklich zulässt und einschließt; Starksein und Gewinnen, Erfolgsdruck und Erfolgsdenken sind nicht die alles bestimmenden Kategorien.

Eine evangelische Lernkultur schließt des Weiteren die Erfahrung ein, dass nicht alles planbar und machbar ist: manche Pendelbewegung zwischen Bildungseuphorie und Bildungsenttäuschung ist von übergroßen Erwartungen her zu verstehen und zu erklären. Jenseits aller Bildungsansätze, Bildungstheorien und Bildungsanstrengungen bleibt damit schlicht und einfach zu konstatieren: Das Leben bildet - auch.

4.5 Transzendenz und Gottesfrage

Die Frage nach Transzendenz und die Aufgabe „das Fenster der Transzendenz“ offen zu halten, stehen in der Mitte des evangelischen Bildungsverständnisses, auch und gerade in der gegenwärtigen bundesdeutschen Gesellschaft. Die Frage nach Transzendenz, nach dem Leben hinter dem Leben, ist deshalb unverzichtbar, weil das Leben und das Überleben aller Menschen auf Grenzen angewiesen bleiben. Der Bezug auf Gott und die Frage nach Gott gehört nach christlicher Sicht und Überzeugung grundlegend zum Menschsein. So verstanden sind Transzendenz und Gottesfrage Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Bildung.

In diesem Sinne ermutigt evangelische Bildung immer wieder zur Suche nach einem gelingenden und sinnerfüllten Leben für die eigene Person und für andere Menschen, auch im weltweiten und im ökumenischen Horizont. Sie erinnern sich dabei an die Kraft der jüdischchristlichen Tradition, an die großen und kleinen Geschichten von Gottes Liebe und an die Gestalt des Jesu von Nazareth, in dem die Freundlichkeit Gottes erschienen ist (Titus 3,4).

4.6 Sprach- und Ausdrucksfähigkeit

Mit Blick auf die gegenwärtigen Herausforderungen gewinnt mehr und mehr die Frage nach der Sprach- und Ausdrucksfähigkeit und der Verkündigung der christlichen Botschaft an Bedeutung. Evangelische Bildungsaktivitäten legen daher ein besonderes Augenmerk auf die allgemeine und verstärkt auf die christlich-religiös-spirituelle Sprach- und Ausdrucksfähigkeit. Diese wird sowohl inhaltlich als auch methodisch gefördert bzw. (wieder) vermittelt sowie in ihrem Reichtum und in ihrer Vielfalt wahrgenommen, angewandt und weitergegeben.


Bayerisches Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG)

Art. 1

Bildungs- und Erziehungsauftrag

(1) 1 Die Schulen haben den in der Verfassung verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag zu verwirklichen. 2 Sie sollen Wissen und Können vermitteln sowie Geist und Körper, Herz und Charakter bilden. 3 Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung, vor der Würde des Menschen und vor der Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt. 4 Die Schülerinnen und Schüler sind im Geist der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinn der Völkerversöhnung zu erziehen.